Sonntag, 24. Januar 2016

Wenn Integration hungrig macht - Alinas Eindrücke zum Welcome Dinner Passau

Eigentlich hat die Idee mit dem Welcome Dinner ja ein bisschen was von einem Blind Date. Man arrangiert ein Treffen mit jemandem, den man nicht kennt und von dem man nicht wirklich weiß, ob man ihn denn überhaupt kennen will. Man nimmt aber das Risiko in Kauf, weil man optimistisch gestimmt ist und ziemlich sicher glaubt, dass das Kennenlernen des Anderen eine Bereicherung für einen selbst sein kann. — Und das ist es meist auch. Meine Erfahrung mit dem Welcome Dinner Auftakt war nicht anders. Skepsis und Vorfreude mischen sich in den Blicken der Gäste, als sie zu Beginn des Abends im Innbräu eintreffen und nach ihren Plätzen suchen. Doch die Atmosphäre ist entspannt und es dauert nicht lange, bis sich das friedliche Wirtshausgemurmel einstellt und Deutsche und Geflüchtete sich in angeregte Gespräche verwickeln. 


Ein kleiner Toast auf einen großen Abend 

Ich teile meinen Tisch mit meiner Schwester, zwei Syrern, zwei Libanesen und einem Deutschen. Die jungen Männer stecken alle in ihren Mittzwanzigern und sind damit ungefähr so alt wie ich. Unsere Vorstellungsrunde verläuft vielleicht ein bisschen 08/15 mäßig, aber was später daraus entsteht, ist eine Konversation, wie sie unter guten Freunden stattfinden könnte. Wir reden über unser Leben, erzählen uns Anekdoten und machen Witze. Genau wie wir in Deutschland, haben diese jungen Männer im Nahen Osten ihr Leben in vollen Zügen genossen. Sie studierten, machten Ausbildungen, hatten Nebenjobs als Barkeeper oder einen Barber Shop. Der Eine hat seine Arme tätowiert, der Andere seine Haare zu einem Dutt zusammengebunden. Die Entfernung unserer Heimatländer ist so groß, die Lebensweisen aber doch so ähnlich. 

Der einzig wirklich große Unterschied zu uns ist, dass man sie aus diesem Leben so jäh herausgerissen hat. Wir sprechen aber nicht viel über ihre Flucht und das, was sie hinter sich gelassen haben. Wir reden mehr über ihre Zukunft und das, was vor ihnen liegt. Und es ist bemerkenswert, wie positiv und erwartungsvoll diese jungen Menschen ihrem Neustart in Deutschland entgegenblicken. Diese Männer beweisen, dass man aus jeder noch so furchtbaren Situation das Beste machen kann, wenn man den Willen dazu hat. Und diesen Willen konnte ihnen selbst der Krieg in ihrer Heimat nicht nehmen.


Ich glaube, ich kann für alle Beteiligten sprechen, wenn ich sage, dass wir mit einem guten Gefühl nachhause gegangen sind und vor allem eins aus diesem großen Blind Date mitnehmen konnten: Wie inspirierend es ist, sich auf neue Menschen einzulassen und wie bereichernd Gespräche mit ihnen sein können.


Mittwoch, 23. Dezember 2015

Pläne im neuen Jahr

Am 15.01.2016 ist es endlich soweit. Nach einiger Zeit der Planung werden wir Anfang des nächsten Jahres in Kooperation mit der Gruppe "Welcome Dinner Passau" ein Abendessen für Geflüchtete und Deutsche veranstalten.

Vor einigen Wochen habe ich von der Idee des sogenannten "Welcome dinners" in München erfahren und war sofort begeistert. Dabei laden Einheimische einige Flüchtlinge zu sich nach Hause zum Essen ein. Ein Austausch zwischen den Kulturen soll entstehen, man lacht, trinkt und isst zusammen. Schnell war uns klar, wir möchten etwas ähnliches selbst planen, beziehungsweise die Idee weiter verbreiten.  

Unser Event im Januar ist eine Auftaktveranstaltung und findet deshalb nicht wie sonst üblich in den vier Wänden der Teilnehmer statt, sondern im Gasthaus "Innbräu" in der Passauer Innstadt, dessen Betreiber uns tatkräftig unterstützt.


Wir möchten uns schon jetzt für die tolle Zusammenarbeit mit der Gruppe "Welcome Dinner Passau" bedanken und natürlich auch bei den Leuten vom Innbräu, ohne deren Hilfe diese Veranstaltung gar nicht möglich sein würde. Wir erhoffen uns einen tollen Abend, auf den noch viele weitere folgen sollen. Fotos und ein ausführlicher Bericht werden natürlich noch folgen!


Dienstag, 22. Dezember 2015

Grenzbetrieb Wegscheid - Teil II

Den Anfang verpasst? Hier kommst Du zu Teil I!

...Gegen Mittag wurde das Kleiderzelt geschlossen, denn die Essensausgabe sollte bald losgehen. Es wurden sechs neue Busse mit hungrigen Passagieren erwartet.

Ich machte mich auf den Weg zum Hauptzelt und fand mich vor Unmengen an Kisten mit Bananen, hoch aufgestapelte Europaletten mit Wasserflaschen und einem Container mit Einwegdecken wieder. 



Das Hauptzelt bestand aus zwei Teilen. Der hintere Teil wurde zu einer Küche und Aufbewahrungsstätte umfunktioniert. Zwei Männer und eine Frau standen mit überdimensionalen Kochlöffeln vor dampfenden, brusthohen Kochbehältern – heute sollte es Gemüseeintopf geben. Die Essensausgabe begann kurze Zeit später und die Helfer*innen standen getreu einer Löschkette nebeneinander und jeder übernahm einen Teil der Ausgabe: Chai Tee – Löffel – Eintopf – Brot – Banane – Wasser.
Ich war für die Bananenausgabe zuständig, doch als die Männer, Frauen und Kinder mit Sack und Pack bei mir ankamen hatten sie meist keine Hände mehr für die Banane, geschweige denn die Flasche Wasser frei. Also hingen eine weitere Helferin und ich mit Banane und Wasserflasche bewaffnet über dem Biertisch und schoben diese in Jackentaschen, Rucksäcke oder drückten sie den Kleinsten der Familien in die Hände. Bei einem Blick aus dem Zelt musste ich feststellen, dass die Schlange der Hungrigen wahrscheinlich fast 100 Meter weit aus dem Zelt hinausragte und ich hatte Sorge, dass nicht genug für alle da sein würde.
Drei Stunden schien der Andrang immer noch kaum ein Ende zu finden, doch das Essen ging glücklicherweise nicht aus und so bekam jeder Etwas und für die kleinen Zwerge gab es ein Fläschchen und eine frische Windel. Ich wickelte teilweise nur wenige Wochen alte Babys und die Frauen waren kaum älter als ich. Einige werden ihre Neugeborenen wohl auf der Flucht geboren haben – für mich fast unvorstellbar.
Es wurde langsam dämmrig und ich war müde von dem Tag. Die körperliche Tätigkeit war nicht sonderlich anstrengend gewesen, doch die zahlreichen Eindrücke und Erfahrungen hatten mich erschöpft. Deshalb verabschiedete ich mich bei den Helfern und Helferinnen und machte mich auf den Weg zu meinem Auto, als mich eine Frau mit einem kleinen Mädchen aufhielt. Die Mutter und ihre Tochter waren aus dem Iran geflohen und seit zwei Wochen unterwegs. Die Kleine trug eine komplett zerrissene Hose und die Schuhsolen ihrer Schuhe waren nicht mehr vorhanden - natürlich bin ich nicht gefahren. Das Kleiderzelt hatte nochmal geöffnet und die Menschen drängten sich dicht an den umgrenzenden Zaun. Ich schlängelte mich in den Kindercontainer und suchte eine Hose und neue Schuhe für die Kleine. Dabei blieb es natürlich nicht, denn immer wieder wurde ich um Hilfe gebeten und konnte diese nicht ablehnen. Nach zwei weiteren Stunden saß ich dann wirklich im Auto und machte mich auf den Weg zurück nach Passau.

Ich hoffe sehr, dass jeder dieser Menschen bald an dem Ort ankommt, an dem er bleiben darf, damit ihrem Leben endlich ein Stück Normalität und Sicherheit zuteil wird. Ein Privileg, mit dem ich aufgewachsen bin und das ich jeden Tag genießen darf.

Samstag, 12. Dezember 2015

Grenzbetrieb Wegscheid - Teil I

Um 10 Uhr werde ich erwartet. Mein Weg führt mich heute nach Wegscheid/Hanging an der deutsch-österreichischen Grenze. Der meist frequentierte Grenzübergang im Umkreis Passaus. Alles ist schon mehrere hundert Meter vor dem Lager abgesperrt und mit reichlich Polizei abgesichert. Mein Auto wird zweimal an der jeweils nächsten Polizeikontrolle per Walkie-Talkie angekündigt und ich rolle im Schritttempo in Richtung der sich vor mir auftürmenden Zeltlandschaft.

Als erstes werde ich im Kleiderzelt gebraucht. Ein Zelt ist für die Erwachsenenkleidung, ein kleinerer Container für die Kindersachen und einer für Schuhe vorgesehen. Es wird langsam kalt bei uns und deshalb greifen die Menschen auch zuerst zu den dicken Jacken und Pullis. Doch die Strapazen der letzten Wochen und Monate haben die Geflüchteten dünn werden lassen und gerade die Männer haben Schwierigkeiten in der Auswahl an XL oder XXL etwas Passendes zu finden. Alle sehen es mit Humor. Einer sagt zu mir gewandt, „Germany, they are biiiig“, und lacht. Ich muss auch lachen und denke sofort an eine gesellige Wirtshausstube mit Bier, Schweinshax’n und Knödl. Ja, dem ein oder anderen würde ein Bierbauch bestimmt gut stehen. Etwas zieht an meinem Jackenärmel und ich höre ein „Sorry Ma’m, shoes please?“ Ich sehe an ihm hinunter. Mich schüttelt es alleine beim hinsehen - der arme Kerl trägt durchgelaufene Flip-Flops. Und ich stehe da mit zwei Pullis, Jacke, Schal, Jeans und Winterstiefel... Der Schuhcontainer gab leider nicht allzu viel her, da, laut einer weiteren Helferin, dieser junge Mann nicht der Einzige sei, der seine Flucht in Flip Flops antreten musste. Gängige Schuhgrößen für Männer waren alle vergriffen. Ähnlich geht es die nächsten zwei Stunden weiter. Männer, Frauen, und dutzende kleine Kinder bis hin zu Neugeborenen brauchen neue und warme Kleidung. Es wird angezogen, ausgezogen, anprobiert und gerade die Kleinsten tragen oftmals vor Dreck starrende Klamotten und ich bin richtig erleichtert ihnen frische Sachen anziehen zu können...



Mittwoch, 9. Dezember 2015

"Mia san ned nur mia"

"Mia san ned nur Mia"-ein Konzert im Herzen Passaus für diejenigen, die schon seit Monaten alles dafür tun die Flüchtlinge in Deutschland willkommen zu heißen. Ein Konzert für die Helfer. Um eben diesen Menschen einmal "Danke" zu sagen.


Eine schöne Idee, wie ich finde. Bei Facebook wurde ich zu der Veranstaltung am Residenzplatz eingeladen. Über 200 Leute hatten bereits per Mausklick zugesagt... mein Interesse war geweckt!

Den Residenzplatz kennt in Passau wirklich jeder. Umso schöner ist der Anblick der sich mir an diesem Donnerstagabend bietet. Voll gepackt ist der Platz, mittendrin ein großer Glühweinstand. Der wird auch gebraucht, ungewöhnlich kalt ist es in dieser Nacht. Doch das hält die Menschen nicht davon ab zu feiern, zu trinken und mitzusingen. Ich treffe meine Freundinnen, wir unterhalten uns während der Musiker Alex Diehl anfängt zu singen. Angeblich ist eines seiner Lieder ein großer Youtube-Hit. Es folgen weitere Künstler. Von HipHop bis zu Indie oder auch moderner Volksmusik, alles ist dabei

Aufmerksam werde ich, als auf einmal andersartige Klänge zu hören sind. Khalid, ein junger Afghane der seit einem Jahr in Deutschland lebt, beginnt auf seiner Muttersprache zu singen. Ohne musikalische Unterstützung wiederholt er immer wieder ein und dieselbe Melodie. Unwillkürlich muss ich schmunzeln. Da auf dieser Bühne in Niederbayern bei Minusgraden steht ein Afghane, viel zu dünn angezogen und singt auf einer Sprache, die wir alle nicht verstehen. Surreal, oder nicht?

Ich habe mich dagegen entschieden die Bands zu bewerten, die an diesem Abend gespielt haben. Die musikalische Darbietung war, wie ich finde zweitrangig. Viel wichtiger war der Zusammenhalt den jeder einzelne gespürt hat. Oder wie der Kabarettist Hannes Ringlstetter treffend gesagt hat: "Wir san ned nur mia und mia halten zusammen".